Interview: Polen, Kanada, Italien, Deutschland

Eine junge Frau, im kommunistischen Polen geboren, in Kanada aufgewachsen, hat ihre Liebe zur Welt entdeckt. Und während Italien ihr Traumziel war, ist sie in Deutschland gelandet.

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Sie sind in Polen geboren und als sie neun Jahre alt waren, ist ihre Familie nach Kanada gezogen. Wie war es für Sie in ein anderes Land mit einer anderen Kultur und Sprache zu gehen?
Ich war völlig aufgeregt! Ja, ich musste eine neue Sprache lernen, aber ich erinnere mich nicht daran, dass das Stress war – Kinder lernen schnell. Mir sind die Augen aus dem Kopf gefallen! Ich konnte Bananen essen! Ananas! Zu der Zeit war Polen noch ein kommunistisches Land und die Geschäfte oft leer. Und selbst wenn sie das nicht waren, gab es niemals eine solche Auswahl an Nahrungsmitteln, Kleidung oder Technologie. Vergleichsweise war es wie Leben im Mittelalter.
Als wir zuerst nach Toronto gezogen sind, bin ich mir sicher, dass alle Kanadier uns als “arme Immigranten” sahen – wir trugen Second-Hand-Kleider und bei meinem Mittagessen war niemals eine Dose Coca-Cola dabei. Aber ich fühlte mich reich, über alle Maßen! Jedes Wochenende sind mein Bruder und ich mit einer Dose markenfreier Cola zu „Toy City“ gelaufen und haben Stunden damit verbracht, Spielsachen anzusehen und damit zu spielen. Offensichtlich hatte das kommunistische Polen solche Geschäfte nicht. Alles lag hinter dem Tresen! Man musste fragen, um sich etwas anzusehen.

Sie haben einen zweifachen Abschluss der Universität von Toronto, Englisch und Kriminologie. Danach haben Sie in unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen Jobs gearbeitet.
Ich denke, dass passiert, wenn man geisteswissenschaftliche Fächer studiert. Ich hatte nicht wirklich tolle Qualifikationen für einen Job. Was ich hatte, war ein Drang. Eine Unruhe. Ein Verlangen nach Etwas. Ich hatte keine Idee, was das sein sollte. Ich wusste nur, dass ich mehr wollte als einen Job von 9 bis 5 und jeden Tag auf der Autobahn abhängen. Ich wollte Abenteuer und Reisen und Romantik und Gott weiß, was sonst noch. Ich wollte alles!
Mein erster Job nach der Universität war in einem medizinischen Verlag. Und wie das so in einem kleinen Unternehmen ist, hatte ich viele Titel: Sekretärin, Lektoratsassistentin, Korrektorin, Vertriebsmanagerin. Sobald ich mein Studiendarlehen bezahlt hatte, tauschte ich einige schnelle Emails mit Weinbaubetrieben in Italien, kündigte und ging meinem Traum nach. Ich liebte Wein, ich liebte das Römische Reich, warum also nicht? Es war nicht alles so toll wie in den Filmen, aber ich erlebte ein gigantisches Abenteuer. Es befriedigte das Etwas für eine Zeit lang. Dann habe ich ein Jahr lang in Krakau in Polen Englisch unterrichtet. Dann machte sich das Etwas wieder bemerkbar. Also bin ich wieder nach Italien gegangen. Und so ging es immer weiter. Von Italien wieder nach Toronto, erst als Direktoratsassistenin zu einem Dachdecker-Unternehmen und dann bin ich für ihre IT-Abteilung durch die vielen Niederlassungen in Kanada und den USA gereist. Schließlich wieder Europa, wieder Krakau, die Stadt hat etwas. Und kurz vor meiner Beförderung bin ich gegangen. Willkommen, Deutschland!

Sie lieben Italien, aber sie sind in Deutschland gelandet. Wie ist das passiert?
Völlig unerwartet. Die Liebe kann das bewirken. Es steht alles in den Büchern. Ich habe M kennengelernt und das war es.

Sie haben zwei Bücher über ihre Erfahrungen in Deutschland geschrieben, “Doing Germany” – was hat Sie dazu veranlasst?
Ich habe es immer geliebt, Bücher zu lesen und so ganz im Hinterkopf habe ich immer davon geträumt, selber eines zu schreiben. Aber es schien ein unmöglich zu verwirklichender Traum. Bis München passiert ist. Zum ersten Mal seit meiner Kindheit hatte ich keine Verantwortung. Keine Schule, keine Arbeit. Ich kann ihnen genau sagen, wie die Idee dieser Bücher geboren wurde: Ich hing auf einem orangefarbenen Armsessel herum, ein Glas Wein in der Hand und grinste über einen witzigen Satz, den ich gerade las. Das Buch? „Mein Jahr in der Provence“ von Peter Mayle. Nachdem ich das Buch entdeckt hatte, habe ich alle seine Bücher verschlungen. Und ich dachte, wenn er das mit Südfrankreich machen kann, vielleicht kann ich das mit Deutschland machen?

Wenn man sich die Rezensionen ihres ersten Buches ansieht, sind sie wirklich zweigeteilt. Manche halten es für lustig und unterhaltsam, andere für langweilig und nicht wirklich über Deutschland. Während es nie hilfreich ist, über Rezensionen zu diskutieren, würde ich dennoch gerne wissen, was Sie an Deutschland mögen – und was nicht!
Ich bin eine neue Autorin, deshalb ist jede einzelne Rezension, die ich bekomme, in meinem Leben wichtig. Ich lese jede einzelne wieder und wieder. Mehr als eine 5-Sterne-Rezension hat mich dazu gebracht, eine Flasche Champagner aufzumachen, während eine schlechte Rezension ein Tritt in den Hintern war und für mich ein Grund zum Heulen und mich im Selbstmitleid zu ergehen. Ich kann nicht verstehen, warum manche Menschen das Buch einfach nur als eine Litanei von Beschwerden und Negativem sehen, denn das war nicht das, was ich mit meinem Schreiben beabsichtigt hatte. Aber man kann es nicht jedem recht machen, richtig?
Manche Dinge werden mir niemals zusagen, wie weißer Spargel oder die Architektur eines typisch deutschen Fachwerkhauses. Aber ich liebe, liebe, liebe deutsche Dominosteine und Lebkuchen und Kuchen (Ich bin verrückt nach Schokolade!). In Deutschland habe ich Crème fraiche entdeckt, Flammkuchen, Paulaner Hefeweizen und Schupfnudeln mit Apfelsauce. Ich liebe deutsche Ordnung und Disziplin, die hochwertigen Straßen, die Luft und das Wasser.

Nur für kurze Zeit: € 0,99

Doing Germany

Erinnerungen von Agnieszka Paletta

Agnieszka Paletta did what most of us only dream about doing – she quit her job, family and friends and travelled to live in a foreign country. And what’s more, she did this more than once. Call it reckless or fearless, that is she. This laid-back, entertaining book is the story of this Polish-Canadian-lover-of-Italy’s move to Germany, a new frontier. Through her eyes, discover the curiosities of her surroundings; love some and gape at others, yearn for home, try to buy one, laugh with her and at her.

Der erste Teil ihres deutschen Abenteuers. „Toller, lebendiger Stil. Sehr heiter. Verletzt niemanden. Zeigt unsere Eigenheiten großartig auf. Und wir dürfen für eine gewisse Zeit am Leben von Agnieszka teilnehmen. Für die vielen Lacher, tausend Dank!“ (Leser) (36 Rezensionen / 3,7 Sterne), 197 Seiten noch günstig?
Auch erhältlich bei Thalia, Weltbild, eBook.de und anderen Anbietern von ePubs.

Sie haben gerade ihr zweites Buch über ihr Leben in Deutschland veröffentlicht. Bitte erzählen Sie uns darüber!
Ich habe sehr kleine Kinder, deshalb ist das Schreiben ein langsamer Prozess für mich. Ich habe mehr als zwei Jahre gebraucht, um die Fortsetzung des ersten Buches zu veröffentlichen. Ich plane aber auch ein drittes. Das erste Buch handelte davon, hier frisch und neu da zu sein, zu heiraten und einen Platz zum Leben zu finden (mein Gott, war das hart). Das zweite geht genau da weiter, wo das erste endet – nachdem wir einen Platz zum Leben gefunden hatten, versuchten wir ihn zu unserem Eigentum zu machen. Leichter gesagt, als getan. Besonders, da wir nicht mehr nur noch zu zweit waren. Ein Baby zu haben, hat unser Leben mehr umgekrempelt, als wir uns jemals hätten vorstellen können. Und etwas davon ist Bestandteil des Buches. Es geht nicht mehr nur darum, Deutschland zu entdecken, sondern auch darum, die Mutterschaft zu entdecken und das Leben als Hausbesitzer. Ich hatte keine Ahnung, dass beides so viele unerwartete Lektionen mit sich bringen würde. Aber das ist die Freude des Lebens! Das sind die Abenteuer und kleinen Schätze, die wir jeden Tag entdecken. Und wenn nichts klappt, schenk Dir ein Glas Wein ein. (Wir können alles aufgeben und nach Italien ziehen.)

Vielen Dank für das nette Gespräch, liebe Agnieszka Paletta. Und ich hoffe, Sie bleiben trotz Ihres Dranges, die Welt zu erobern, noch lange bei uns in Deutschland.

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